An die „Wiege der neuzeitlichen Stahlindustrie“ in Mittelengland wollte ich schon immer einmal. Schön, dass ich Mitglied des VDEh bin, dessen diesjähriges Programm dem an der Geschichte der Montanindustrie Interessierten alles das vermittelt, was „normale“ Veranstalter von Studienreisen wegen der speziellen Thematik niemals anbieten können.
In der Tat hat England als erstes und lange Zeit weltführende Industrieland aus der industriegeschichtlichen Perspektive am meisten von allen Ländern zu bieten, zumal man sich dort der glorreichen Vergangenheit sehr bewusst ist und die erhaltenen Industriedenkmäler liebevoll pflegt. – Ausgangspunkt unserer Reise (30 Teilnehmer) war diesmal der Flughafen Düsseldorf. Da der Abflug nach Birmingham am 6.9. bereits um 10.15 Uhr erfolgte, reiste ich bereits am Vortag an; mein Freund Harald Konrad bot mir Nachtquartier und die Anfahrt zum Flughafen. Um es vorweg zu nehmen – diese Reise gestaltete sich zu einem ausgesprochenen Highlight, das dadurch seinen besonderen Akzent erhielt, dass die Leitung des Geschichtsausschusses Mr. Michael S. Darby für die Exkursion gewinnen konnte (ein Nachkomme von Abraham Darby, dem Begründer des ersten Kokshochofens).
Wir besichtigten dann zunächst das eindrucksvolle Black Country Museum. Die Anlage entstand als Freilichtmuseum durch Translokation historischer Anlagen am Ufer eines Kanals unterhalb des Castle Hill von Dudley auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlenmine. Schon die Befahrung dieses Kanals aus dem 18. Jahrhundert (1950 wurde die Nutzung zum Transport von Massengütern eingestellt) war ein echtes Erlebnis. Das Museum umfasst ausgezeichnete Besichtigungsobjekte (Nachbau einer Newcom – Dampfmaschine, eine alte elektrische Straßenbahn, ein Stabstahlwalzwerk, eine Messingschmiede, eine Kettenschmiede, einen Nachbau der ersten Dampflokomoptive und auch eine nachgebildete historische englische Kleinstadt), alles liebevoll hergerichtet und fachkundig erklärt.
In unserem ersten Hotel, dem Telford Golf & Country Club, ereichte mich die Nachricht von der Geburt meiner Enkelin Wynona. Das Datum 6.9. habe ich auf einer selbst gegossenen Messingplatte verewigt.
Am nächsten Tag brachte uns der Bus zu Besichtigungen in das Tal des Severn nach Coalbrookdale und Ironbridge. „Dieses Tal war der Ort des außerge-wöhnlichen Durchbruchs, durch den Großbritannien die erste industrielle Nation und die Werkstatt der Welt wurde“, heißt es im Flyer des Museums – Ensembles treffend. In dieser Gegend wurde sehr viel Historisches erhalten; in Anerkennung der Errungenschaften wurden die Ironbridge – Gorge – Museen errichtet (eine Reihe von Denkmälern auf einer Fläche von 16 qkm). Die Reihe derjenigen Produkte, die in dieser Region erstmals hergestellt wurden, ist legendär: Räder, Schienen, Dampfmaschinenzylinder, gusseiserne Brücken, Boote, Aquädukte und Fachwerke aus Eisen sowie die erste Dampflokomotive der Welt. In Coalbrookdale gelang es 1709 dem Hüttenmeister Abraham Darby erstmals, nach einem von ihm entwickelten revolutionären Verfahren erfolgreich Roheisen mit Koks statt mit Holzkohle zu erzeugen. Der Hochofen Darbys ist sehr gut erhalten. Im Lagerhaus ist ein Museum untergebracht: Geschichte des Eisens, Leben und Wirken der Darby – Dynastie. Mr. Michael S. Darby konnte uns seinen Vortrag zu „Ironbridge, Coalbrookdale, seine Geschichte und der Alte Ofen“ sogar in deutscher Sprache halten. Die anschließende Besichtigung des restaurierten Darby – Ofens, des ebenfalls gut hergerichteten Hauses der Familie Darby und des Eisenmuseums gaben einen guten Einblick in die große Tradition dieser Region. Die Ironbridge konnten wir danach ebenfalls in Augenschein nehmen und auf ihr den Severn überqueren.
In dem kleine Ort wurde dann ein typisch englisches Mittagessen eingenommen. Das Blist Hill Freilichtmuseum ist eine lebende Industriegemeinde auf einer Fläche von 20 ha. Dort finden sich Hochöfen, Bergwerksschächte, ein Kanal und ein Schiffsgebewerk – alles in allem ein beeindruckendes Ensemble, das uns in die Arbeitswelt etwa des Jahres 1890 eintauchen ließ. Die Besichtigungstour endete mit den Bedlam – Hochöfen direkt am Severn.
Zur Vertiefung der Erkenntnisse des erlebnisreichen Tages wurde uns am Abend im Rahmen eines Vortrages die „Ironbridge – ihre Konstruktion und Erhaltung“ nochmals ausführlich dargestellt.
Am Folgetag (8.9.) hiess es von dieser Region Abschied nehmen. Wir wurden mit dem Bus nach Sheffield, der zweiten Station unserer Reise, transferiert, wo gleich zu Beginn eine Industriebesichtigung auf dem Programm stand, nämlich das SMACC – Stahlwerk (Edelstahl) mit dem Blechwalzwerk. Avesta Sheffield entstand 1995 aus einem Zusammenschluss des schwedischen Unternehmens Avesta und British Steel. Untergebracht waren wir in Sheffield in der Halifax Hall of Residence (Universität Sheffield) – preiswert und gut.
Der 9.9. begann wieder mit dem Eintauchen in die Historie mit der Besichtigung des Abbeydale Industrial Hamlet (1714 erstmals urkundlich erwähnt, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark ausgebaut, heute gut restauriert erhalten. Das Ensemble dieses auf landwirtschaftlichen Bedarf (Sicheln etc.) spezialisierten Werkes umfasst u.a. ein Tiegelstahlwerk, Schmiedehämmer und Schleiferei. Das Kelham Island Museum (eine ehemalige Eisengießerei; heute das Industriemuseum der Stadt Sheffield) dokumentiert die industrielle Geschichte dieser Stadt, die u.a. ein Zentrum der Besteckindustrie war (hierüber gab es noch einen Vortrag zu hören).
Ein weiterer Höhepunkt dieser Reise war ein Empfang in der Cutlers Hall (Zunfthalle der Sheffielder Messerschmiede), der uns einen rechten Einblick in das Traditionsbewusstsein Englands gab. Der Besichtigung dieses Hauses folge ein festliches Abendessen; wir kamen erst sehr spät in unsere Unterkunft.
Auf der Fahrt zum Flughafen nach Birmingham wurde mit der Wortley Top Forge (gegr. 1623, Stillegung 1908) eine historische Schmiede besichtigt, die u.a. Eisenbahnachsen herstellte. Am späten Nachmittag brachte uns die Maschine wieder nach Düsseldorf zurück.