Einige Male war ich natürlich schon im Ruhrgebiet gewesen, eigentlich eine Selbst-verständlichkeit angesichts des Umstandes, dass der „Pott“ natürlich diejenige Region Deutschlands ist, die die größte Dichte in bezug auf Bergbau und Hüttenwesen aufweist. Indessen fehlte immer eine „geballte“ Veranstaltung, die dem an Montangeschichte Interessier-ten in wenigen Tagen die wichtigsten aktiven Produktionsstätten und Industriedenkmäler vermittelte. So mögen auch viele Mitglieder des Geschichtsausschusses des VDEh gedacht haben, denn es fanden sich 65 Teilnehmer ein, um an der unter dem Motto „Innovationen einst und jetzt: Einblicke in die Montangeschichte des Ruhrgebietes“ laufenden drei Tage währenden Exkursion teilzunehmen, die – um es vorweg zu nehmen – dem hohen Anspruch vollauf gerecht geworden ist.
Da die Wege im Ruhrgebiet relativ kurz sind, genügte ein zentraler Ausgangspunkt in Duisburg (das Hotel CONTI), den ich bequem per Auto erreichen konnte. Der Wagen wurde bis zur Rückreise nicht mehr bewegt. Die erste, sozusagen zur Einstimmung auf das folgende Besichtigungsprogramm bestimmte Veranstaltung führte uns zu Vorträgen in das Technische Ausbildungszentrum der Thyssen Krupp Stahl AG in Duisburg – Bruckhausen. Herr Dr. Manfred Rasch (Leiter des Thyssen – Konzernarchivs) versah jeden der Teilnehmer bereits mit einer großen Tüte mit Informationsmaterial, dessen Studium später noch der Vertiefung gewonnener Erkenntnisse dienen sollte. Nach der Vollsitzung des Geschichts-ausschusses (die traditionell auf den Exkursionen stattfindet) folgte eine Vortragsreihe: Prof. Dr. Wolfhard Weber: „Erneuerungsfähigkeit und Ausbildungswesen“, Prof. Dr. Helmut Wienert: „Strukturwandel Ruhrgebiet“, nach dem gemeinsam eingenommenen Mittagessen und der Besichtigung des Ausbildungszentrums auf Einladung von Thyssen dann: Dr. Claus Hendricks (Vorstand der Thyssen Krupp Stahl AG): „Das moderne Hüttenwerk“, Dipl.-Ing. Friedrich Toussaint (Leiter VDEh – Geschichtsausschuss): „Technische Innovationen in der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebietes“, Andreas Zilt: „Die Einführung des LD – Verfahrens auf der August – Thyssen – Hütte“ und Karl Langner: „Die Hochöfen Schwelgern I und II – Ein historischer Rückblick“. Der Hochofen Schwelgern II mit einer Jahreskapazität von 4 _ Mio. t war dann Gegenstand einer eindrucksvollen Besichtigung, der eine Hafenrundfahrt ab Werkshafen Schwelgern auf dem Niederrhein folgte. Auf dem Schiff wurde in sehr stimmungsvoller Atmosphäre zu Abend gegessen.
Am Morgen des 15.10. machten wir uns auf den Weg nach Gelsenkirchen, wo eine ausführliche Besichtigung der Schalker Verein Rohrsysteme GmbH & Co. KG (heute eine Tochtergesellschaft von Saint Gobain) stattfand, wo uns das Schleudergussverfahren vorgestellt wurde. Weiter ging es nach Bochum – Dahlhausen. Während der Busfahrt stellte uns Dr. Rasch den „Innovator und Unternehmer Dr. Carlos Otto und die Bedeutung der Feuerfest – Industrie für die Entwicklung des Thomas – Verfahrens“ vor. Dies diente zur Vorbereitung unserer Werksbesichtigung bei der Dr. C. Otto Feuerfest GmbH (einem früher zu Thyssen, nunmehr zu Preussag gehörenden Unternehmens), deren Anlagen sich im Tal der Ruhr befinden. Anschließend stellte die Besichtigung von Zeche und Kokerei Zollverein in Essen – Katernberg natürlich ein Muss dar. Die Anlage Zollverein XII wird auch als die „schönste Zeche des Ruhrgebietes“ bezeichnet (gestaltet 1932 von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer). Nach der Einstellung der Förderung im Jahre 1986 (übrigens wegen Erschöpfung der Lagerstätte) wurde die Zeche zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Auf dem Gelände sind vielfältige Aktivitäten (Kunst und Kultur, Veranstaltungsangebote, Institutionen, Gastronomie) angesiedelt. Besonders erfreulich ist, dass nunmehr dort auch ein Bergbaumuseum eingerichtet wurde, das die industrielle Vergangenheit dieser bedeutenden Zechenanlage (mit 12.000 täglicher Förderung zeitweise die bedeutendste des Ruhrgebietes) lebendig werden lässt. Herr Hans Kania stellte seine Führung unter das Motto: „Von der Kohlenwäsche zur Kokerei“. Einen weiteren Höhepunkt auf diesem Exkursionstag stellte der Besuch der Villa Hügel in Essen – Bredeney (ehemals Sitz der Industriellenfamilie Krupp) dar, die wir unter der Führung der Krupp – Archivarin Dr. Renate Köhne – Lindenlaub besichtigen durften. Dort wurden uns auch zwei weitere Vorträge geboten: Dr. Manfred Rasch: „Filme als technikgeschichtliche Quelle“ sowie Herwig Müther: „Pioniere der deutschen Technik“.
Nach dem Besuch der Villa Hügel wurde uns am 16.10. auch Gelegenheit gegeben, das Schloss Landsberg bei Essen – Kettwig zu besuchen (Wohnsitz von August Thyssen). Daran schloss sich eine sehr interessante Besichtigung der Abtei (Essen) – Werden (es spielte eine bedeutende Rolle bin der Frühgeschichte des Ruhrbergbaus) an. Die Henrichshütte in Hattingen bildete unsere nächste Station. Die Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Hütte befand sich noch im Zustand der Restaurierung; sie ist ein Standort des Westfälischen Industriemuseums. Das Museumsgelände wurde ausgiebig besichtigt (mit Besteigung des Hochofens und Schaugießen). Darauf folgten Vorträge von Dr. Fritz Benthaus („Der Eisenerzbergbau als Basis der aufkommenden Eisenindustrie an der Ruhr“) und Franz – Josef Schetter („Thomaswerke im Ruhrgebiet – ein Vergleich“). In Oberhausen mussten aus Zeitgründen die Besichtigungen des Gasometers (hatte ich früher bereits gesehen) und des CentrO (habe ich 2003 nachgeholt) leider ausfallen. Dafür hatten wir etwas mehr Muße bei der Besichtigung des Rheinischen Industriemuseums (auf dem Gelände der stillgelegten Zinkfabrik der Altenberg AG). Prof. Dr. Rainer Wirtz hielt uns einen Vortrag zum Thema „Die Musealisierung der Eisen- und Stahlindustrie an der Ruhr am Standort Oberhausen des Rheinischen Industriemuseums“. Das Abschlussessen fand dann bereits auf dem Gelände des Landschaftsparks Duisburg – Nord statt (ehemaliges Thyssen – Hüttenwerk Meiderich; in der Hüttenschänke). Schöner hätte diese Tagung nicht ausklingen können als mit dem sich anschließenden Rundgang durch den illuminierten Hüttenbetrieb. Von der obersten Plattform des Hochofens bot sich ein überwältigender Blick auf weite Teile des westlichen Ruhrgebietes. Die schon recht empfindliche herbstliche Kälte konnte den Genuss dabei kaum trüben. Eine für den Liebhaber des Ruhrgebietes (zu denen mich ausdrücklich zähle) war dies eine erlebnis- und genussreiche Exkursion, an die man noch lange zurückdenkt.