Die Reise versprach mit einer Besichtigung des heutigen Sanierungsbergbaus der einstigen SDAG Wismut im Erzgebirge (Tiefbau) und im östlichen Thüringen (Tagebau) ein äußert interessantes Programm. Diese Erwartung erfüllte sich – um es vorweg zu nehmen – in vollem Umfange. Mit 92 Teilnehmern hatte die Veranstaltung einen starken Zuspruch zu verzeichnen.
Die Geschichte des Uranbergbaus lag bis zur Wende völlig im Dunklen und unterlag aufgrund des Umstandes, dass das Uran einen kriegswichtigen Rohstoff darstellte und praktisch voll unter der Kontrolle der Sowjetunion stand, strenger Geheimhaltung. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland nach 1990 diese „Erblast“ zu übernehmen hatte, offenbarten sich erst allmählich die ungeheuren Probleme, die dieser (im übrigen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten hochdefizitäre) Bergbau hinterlassen hatte. Neben der totalen Verwüstung und Verseuchung der betroffenen Gebiete waren auch zahlreiche Beschäftigte von Folgekrankheiten ihrer Tätigkeit betroffen, über die die behandelnden Ärzte Stillschweigen bewahren mussten (u.a. die „Schneeberger Krankheit“ = Krebs). Zum Zeitpunkt dieser Tagung hatten sich bereits zahlreiche Publikationen (neben der Presse auch der „Anschnitt“) im Zuge einer neuen Offenheit mit zahlreichen Aspekten des 1990 eingestellten Uranbergbaus beschäftigt, so dass die meisten Teilnehmer mit guten Vorkenntnissen in das Programm einsteigen konnten. – Ich reiste mit dem eigenen Wagen an und nahm Quartier im Parkhotel Schlema.
Einen guten Einstieg bot bereits der Begrüßungsabend am 3.10. im Kulturhaus „Aktivist“ in Schlema (die DDR ließ grüßen !). Herr Konrad Barth, Bürgermeister von Schlema, schilderte sehr eindrucksvoll die Geschichte seines Ortes unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung nach der Wende. Die späteren Rundgänge durch den Ort zeigten, welche ungeheuren Veränderungen sich in der Zeit seit 1990 dort bereits vollzogen haben. Die Gesamtkosten für die Sanierung des Uranbergbaus im Erzgebirge und Thüringen bezifferte Barth mit rd. 13 Mrd. DM, wovon ein recht großer Teil dem Ort Schlema als einem der Hauptförderorte zugute gekommen ist. Bis Ende 2000 waren davon 6,8 Mrd. DM ausgegeben. Auch die Vortragsveranstaltung fand wieder im „Aktivist“ statt. Sie wurde mit einem Grußwort des für die Öffentlichkeitsarbeit der Nachfolgegesellschaft Wismut GmbH zuständigen Dr. Runge eröffnet.
Die Vortragsreihe begann mit Herrn Dipl.-Geol. Werner Schuppan (stellv. Leiter der Stabsstelle und Hauptgeologe der Wismut GmbH): „Vom Silber zum Uran – das westsächsische Bergrevier“, dann folgte Dipl.-Ing. Dietmar Rosmej zum Thema: „Der Uranerzbergbau im Erzgebirge von 1945 – 1990“ (SDG, SDAG, Grundlagen, Struktur, Aufgaben, Bedeutung, Arbeitschutz, politische Einflüsse). Herr Schuppan schloss sich mit einem weiteren Referat: „Die Sanierungsarbeiten der Wismut GmbH im Erzgebirge (über und unter Tage, Boden, Wasser, Luft, staatliche Mitwirkung)“ an. Dr. Winfried Meyer vom Bundesamt für Strahlenschutz in Schlema schilderte die „Radiologische Situation in Bergbaugebieten“. Nach der Mittagspause folgte eine Exkursion zum Wismut – Informationszentrum in Hartenstein mit anschließender Begehung des von einer gigantischen Haldenlandschaft umgebenen Schlema (Herr Barth will hier einen Golfplatz errichten !). In Ober – Schlema wurden allein 1.000 Gänge auf einem Gebiet von 20 ha abgebaut. Die Vorkommen erwiesen sich im Laufe der Jahre als weitaus umfangreicher als erwartet. Die größte Teufe wurde mit 2.300 m angegeben. Die Gänge sind heute alle geflutet Wir besuchten dann das EXPO – Informationszentrum und das Museum „Uranerzbergbau“ im „Kulturhaus Aktivist“. Die dort befindliche Gaststätte mit dem schönen Namen „Füllort“ bot den Rahmen für ein uriges Abendessen.
Freitag, der 5.10., stand ganz im Zeichen unserer Exkursion in das zweite Uranabbaugebiet Ronneburg, das sich bereits in Thüringen befindet. Dipl.-Ing. Klaus Hinke, Leiter der Abt. Umweltschutz, hielt einen äußerst informativen Vortrag, der über das eigentliche Thema „Lagerstätte, Abbau- und Sanierungstätigkeit“ weit hinausging. Im Zeitraum von 1946 – 1989 wurden von der Wismut insgesamt 230.000 t Uranmetall gefördert, davon 80.000 in Schlema und Umgebung. Während im Erzgebirge rd. 250 Schächte niedergebracht wurden (z.T. unter Wiedereröffnung früher in Betrieb befindlicher Bergwerke), bestanden im Bereich Ronneburg 5 Bergwerke mit rd. 15.000 Beschäftigten, die in 40 Tagesschächten auf 14 Sohlen das Erz förderten. Bedenkt man, dass die Uranerze in Schlema einen Urangehalt von nur 0,4 % aufwiesen (Ronneburg sogar nur 0,1 % – im Vergleich dazu: McArthur River in Kanada 15 %), dann kann man sich leicht den Umfang der notwendigen Erdbewegungen in diesen Gebieten vorstellen. Ronneburg stand für 54 % der Uranproduktion der DDR und erhält 50 % der Sanierungsbeihilfen der Bundesregierung. Die SAG (Sowjetische Aktiengesellschaft) Wismut wurde von 1946 – 1953 aus Reparationsleistungen finanziert, nach der Umwandlung in die SDAG (Sowjetisch – Deutsche Aktiengesellschaft) mit jeweils 50 % Beteiligung der UdSSR und der DDR mit einem Kapital von 2 Mrd. Mark ausgestattet. Mit zeitweise 130.000 Beschäftigten war die SDAG ein gewaltiger Industriekomplex und „ein Staat im Staate“. An den Vortrag schloss sich eine Befahrung des Tagesbaurestloches Lichtenberg mit seinen Haldenkomplexen (jedem Benutzer der Autobahn erinnerlich: „Die Ronneburger Titten“) an. Hier waren Großmaschinen im Einsatz; deutliche Fortschritte der Landschaftssanierung waren bereits sichtbar. Die Befahrung umfasste daneben auch die Verwahrung der industriellen Absetzbecken Culmitz / Trünzig, die ein besonderes Problem bei der Sanierung darstellen.
Das gemeinsame Mittagessen in der Betriebskantine des Sanierungsbetriebes Ronneburg hatten wir dann auch redlich verdient. Danach durfte ich an diesem Ort meinen Vortrag zum Thema „Finanzdokumente aus dem sächsischen Bergbau“ halten. Im Hinblick auf die reiche Bergbautradition dieses Bundeslandes konnten die gezeigten 44 Dokumente nur einen begrenzten Einblick verschaffen. Behandelt wurden die Einzelthemen „Alter sächsischer Bergbau“, „Erzgebirgischer Erzbergbau“, „Freitaler Steinkohlenrevier“, „Lugau – Niederwürschnitzer Steinkohlenrevier“, „Zwickau – Oberhohndorfer Steinkohlenrevier“ sowie „Braunkohlenbergbau“. Nach der abschließenden Besichtigung der Wismut – Sammlung „Malerei, Grafik und Fotografie über den Uranbergbau“ fuhren wir nach Schlema zurück. Der Empfehlung, das neue moderne Gesundheitsbad (mit radiumhaltigem Wasser) zu besuchen, bin ich nicht gefolgt, sondern zog ein gemütliches Abendessen mit Herrn Dr. v. Plessen und dem Ehepaar Rose in einem Restaurant vor.
Am 6.10. nahm ich nur noch am Morgen an der Befahrung des Besucherbergwerks „Markus Semmler“ teil, die in zwei Gruppen stattfand und einen guten Eindruck vom Uranbergbau vermitteln konnte. Der Besuch der Bergstadt Schneeberg und der Abschlussabend mussten dem Umstand geopfert werden, dass mein Enkel Maximilian gerade (am 5.10.) das Licht der Welt erblickt hatte, und da musste der Opa natürlich schnell nach Hause. Unglücklicherweise war an meinem Wagen die linke Scheibenhebeanlage nicht mehr zu bedienen, so dass mein notdürftig mit Plastik verschlossenes Fenster (bei Regen) die Rückfahrt etwas ungemütlich machte.