Südtirol

Reisezeitraum
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19990617
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19990627

Die Auslandsgesellschaft Nordrhein – Westfalen mit Sitz in Dortmund führt gelegentlich Reisen mit montanhistorischen Inhalten durch, an denen ich zweimal teilgenommen habe.

Von befreundeter Seite aus dem Kreise der GDMB wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Auslandsgesellschaft Nordrhein – Westfalen in Dortmund regelmäßig interessante Studienreisen durchführt. Mein Interesse richtete sich gemäß meiner Interessenlage insbesondere auf solche, die montanhistorische Themen zum Inhalt haben. Meine erste Reise mit der Auslandsgesellschaft NRW führte mich nach Südtirol. Unter der Leitung von Herrn Prof. Werner Rutz, Angehöriger der Ruhr – Universität Bochum, fand sich eine kleine Gruppe von nur 9 Personen (darunter meine Frau und ich) in München zusammen, um eine technikgeschichtliche Reise in das „Land an der Etsch und im Gebirg“ zu unternehmen. Herr Prof. Rutz ist ein sehr wanderfreudiger Mann, der neben dem Interesse der Teilnehmer an Geographie, Kultur und Technikgeschichte auch eine gute Kondition fordert. Nach der individuellen Anreise mit dem ICE trafen sich die Teilnehmer am Hauptbahnhof in München, um dann mit dem Bus über Kufstein, Innsbruck, Brenner, Franzensfeste, Bruneck nach St. Jakob im Ahrntal – einem schönen von Bergen umgebenen Ort -, wo wir gastliche Aufnahme beim „Bühelwirt“ fanden. Am Folgetag (17.6.) brachte uns der Bus nach Prettau zum alten Kupferbergwerk brachte. Dieses ist von der Südtiroler Landesregierung soweit hergerichtet worden, dass es von Einzelpersonen oder Gruppen besichtigt werden kann. Das Vorkommen ist vermutlich bereits in der Bronzezeit bekannt gewesen; die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1426. Dank der hervorragenden Qualität des Metalls blieb – immer im Besitz wechselnder Familien – bis 1893 in Betrieb.

Der erste Teil der Besichtigung (Einfahrt mit der Grubenbahn in den St.-Ignaz-Stollen auf 1.476 m Meershöhe war eine noch recht bequeme Angelegenheit. Unser Reiseleiter legte jedoch Wert darauf, uns auch die wesentlich höher gelegenen alten Stollenmundlöcher zu zeigen. Der älteste Abbau (es wurde zunächst Tagesbau an den Ausbißstellen des Erzes betrieben) befindet sich in 2.000 m Höhe, so dass eine recht beschwerliche Bergwanderung nicht zu umgehen war. Ich als untrainierter Norddeutscher (vor einem Tag noch auf Meereshöhe wohnhaft) hatte einige Mühe, das Tempo mitzugehen, zumal es ein warmer und feuchter Tag war. Aber die Mühe hat sich doch sehr gelohnt. Um einen Gesamtüberblick über die Bergwerksanlagen zu erhalten, brachte uns der Bus an das Talende bei Steinhaus, wo sich das Gebäude der ehemaligen Bergverwaltung und die Reste einer Kupferhütte befinden. Von dort aus ging es per pedes zurück auf dem Talgrund nach St. Jakob.

AM folgenden Morgen (19.6.) ging es mit dem Bus nach Bozen, wo der erste Besichtigungstermin zum Thema „Bergbahnen“ anstand. Mit dem Betriebsbeginn 1908 gehört die Schwebeseilbahn Bozen – Kohlern (von 269 – 1110 m) zu den ältesten ihrer Art. Die Bahn wurde ursprünglich gebaut, um dem Berggasthof Gäste zuzuführen. Heute ist sie beliebter Ausgangspunkt für Bergwanderungen (auch wir wanderten auf der Höhe mit herrlichen Ausblicken). Anschließend ließen wir es uns nicht nehmen, der Stadt Bozen einen ausführlichen Besuch abzustatten. Dazu hatten wir am 20.9. nochmals Gelegenheit, nachdem wir die Nacht im St. Magnus – Haus in St. Michael – Eppan verbracht hatten. Wir hatten dann auch Gelegenheit, dem Archäologischen Museum (mit dem berühmten „Ötzi“) einen Besuch abzustatten.

Nach diesem recht gemütlichen Tag stand am 21.6. die Fahrt nach Kaltern zu Mendelbahn (Standseilbahn auf 1.363 m Höhe) an. Diese Bahn stammt ebenfalls aus der Zeit um 1900 und versieht heute noch ihren Dienst. Wegen des schlechten Wetters wurde die im Anschluss daran geplante Bergwanderung abgeblasen, dafür durften wir uns in Kaltern ergehen, nachdem wir mit der Bahn wieder talwärts gefahren waren. Am Folgetag (22.6.) brachte uns der Bus nach Schlanders im Vinschgau. Unser Ziel war dort der von der LASA MARMOR S.p.A. durchgeführte Marmorabbau im Hochgebirge auf rd. 2.000 m Meereshöhe. Marmor mit der Qualität der Steine in der Toskana oder in Attika kommt in Südtirol nur an einer Stelle vor, nämlich am Nörderberg im mittleren Vinschgau bei Göflan und Laas. Sehenswert ist neben den eigentlichen Abbaukammern (die wir bei vollem Betrieb besichtigen konnten) der größte (seit 1930 in Betrieb befindliche) Bremsberg (475 m Höhe, 950 m Länge bei 50 % Steigung, Spurweite 2,60 m). Vom Endpunkt des Bremsberges bringt eine kleine Feldbahn die Blöcke in das am Talgrund befindliche Verarbeitungswerk. Auch hier ließ es sich Prof. Rutz nicht nehmen, die Kondition der Teilnehmer bei einer recht anstrengenden Bergwanderung zu fordern. Herr Prof. Paul Meyer von der TU Aachen und ich kürzten die Strapaze etwas ab und wanderten auf einer Straße talwärts. Bis zur Ankunft der übrigen Teilnehmer ließen wir es uns in einem Gasthof gut gehen.

Am 23.6. ließen wir uns durch das Werk führen, wo wir die Weiterverarbeitung der im Hochgebirge gewonnenen Marmorblöcke studieren konnten. Der zweite Teil des Tages umfasste eine Fahrt in das Schnalstal zur modernsten und höchsten Gletscherbahn Tirols von Kurzras (2.010 m) auf die Grawand (3.250 m) mit grandiosem Fernblick bei idealem Wetter. Hier blieb uns der anstrengende Abstieg erspart; wir fuhren mit dem Bus nach Schlanders zurück.

Der nächste Tag (24.6.) verlief mit einem Stadtbummel in Meran, dem Besuch des Südtiroler Landesmuseums im Dorf Tirol und mit einer anschließenden Wanderung am Marlinger Waal recht geruhsam, zumal wir die herrliche Landschaft Südtirols wiederum bei schönem Sommerwetter genießen konnten.

Der Höhepunkt der Reise stand indessen noch bevor: Europas höchstgelegenes Bergwerk auf dem Schneeberg. Zu unserem Ausgangspunkt für die ausgiebige Besichtigung hatten wir Maiern im hintersten Ridnauntal gewählt, wo wir in einem kleinen, aber recht gemütlichen Gasthof Unterkunft fanden. Der Museumsbereich Schneeberg / Ridnaun ist Teil des Südtiroler Landesbergbaumuseums und bietet einen hervorragenden Einblick in die Geschichte eines Bergwerkes, das seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1237 bis zur Einstellung der Tätigkeit bis zur endgültigen Schließung (1985) auf eine fast 800 – jährige Geschichte zurückblicken kann. Der Besuch des Schneeberges weckte bei mir angenehme Erinnerungen: In den 60-er Jahren hatte ich als junger Mann mehrere Urlaube in Sterzing (mit dem Ehepaar Tisch aus Offenburg) verbracht und das Bergwerk mit seiner in Maiern gelegenen Aufbereitungs-anlage noch in der aktiven Betriebsphase erlebt (und erwandert). Das Bergwerk förderte in früheren Jahrhunderten ausschließlich Silbererze und erlebte um 1500 mit rd. 1.000 Knappen seine größte Blüte. Erst 1871 begann man mit dem Abbau des Haupterzes – der Zinkblende. Für die Belegschaft errichtete man in 2.534 m Höhe das Bergmannsdorf St. Martin am Schneeberg, das leider 1967 einem Brand zum Opfer fiel. Seither lebten die Bergleute in Maiern und wurden täglich mit der neu erbauten Gondelbahn durch das Lazzachertal bis unterhalb des Poschhauses (2.100 m) befördert. Dort mussten sie eine 3,5 km lange Grubenbahn benutzen, um an das Erzlager zu kommen. Diese Fahrt wurde von uns ebenfalls absolviert. Die noch vorhandenen Gebäude von St. Martin am Schneeberg haben wir nicht gesehen, sind aber vom Poschhaus wieder zurückgewandert (ein Teil der Gruppe machte noch eine Bergwanderung über St. Martin und das Kaindl-Joch (2.687) zurück nach Maiern.

Am 26.6. blieb noch ausreichend Zeit, um dem Museum (das sich auf dem Gelände der früheren Erzaufbereitungsanlage befindet) einen ausführlichen Besuch abzustatten. Das Fuggerstädtchen Sterzing mit seinem mittelalterlichen Stadtbild bildete unsere nächste (und letzte) Station. Dort konnten wir die Ausstellung zur Bergwerksgeschichte Tirols im Ansitz „Jöchelsturm“ besuchen und uns in der mir so vertrauten Stadt Sterzing umtun, ehe es am 27.6. mit dem Bus nach München zurückging. Nicht zuletzt wegen der kleinen Gruppe und der fachkundigen Leitung von Prof. Rutz war dies eine besonders schöne Reise.

P.S.: Über die Bergwerke Prettau und Schneeberg stehen mir Bücher mit einer ausführlichen Schilderung der Geschichte zur Verfügung.